An einem Dienstagnachmittag stellt sich Henrik Szántó der schwierig scheinenden Aufgabe, mehr als 100 Schüler*Innen der Jahrgangsstufe 9 und der MSS mit einer literarischen Lesung zu begeistern. Werden das nicht lange 90 Minuten werden? - Keineswegs!
Kaum beginnt der Autor in der absolut fesselnden Weise eines erfahrenen Spoken-Word-Artists vorzutragen, kehren Ruhe und Aufmerksamkeit im Saal ein. Und das, obwohl gleich der erste Satz vier Seiten lang ist!
Doch der Schriftsteller hat ja auch wirklich Ungewöhnliches mitgebracht: In seinem erfolgreichen Roman „Treppe aus Papier“ (2025) erzählt nämlich ein Haus die Geschichte seiner Bewohner – zwischen der Zeit des Nationalsozialismus und unserer Gegenwart.
Aber was hat es mit dieser originellen Entscheidung auf sich? Hier schließen im zweiten Teil der Veranstaltung viele Fragen der Schüler*Innen an, die Szántó geduldig und sehr anschaulich beantwortet. Deutlich wird dabei, dass das Haus ein besonderer Erinnerungsträger ist, da es weder in das Geschehen eingreifen noch etwas vergessen kann. Alle Zeitebenen sind an seinem Ort quasi gleichzeitig vorhanden. Dies ermöglicht es, die Schicksale des jüdischen Mädchens Ruth, der einst kleinen und nun uralten Irma und der heutigen Schülerin Nele übereinander zu blenden und den Leser mit den Figuren auf Spurensuche zu schicken. Wie werden Erinnerungen über die Zeit hinweg unbewusst fort- und vielleicht auch umgeschrieben? Wer hält Erinnerung wach, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?
Da stellt sich die Anschlussfrage, was Szántó veranlasst hat, einen Roman über diese Themen zu schreiben. Der Autor erläutert, dass die Geschichte seiner eigenen Familie und seine Beobachtungen zum zwiespältigen Umgang der Deutschen (Unterfranken) mit ihrer historischen Verantwortung Anlass für zahlreiche Recherchen und Interviews gewesen sind, aus denen über mehrere Jahre hinweg der Roman entstanden ist. Dass der manchmal durchaus trockene historische Stoff für ihn dabei gleichsam lebendig geworden ist, wird deutlich, wenn er sich kaum entscheiden kann, welche Figur ihm denn die liebste sei oder was er seine Figuren ein paar Jahre später gerne fragen würde. Der Hund Balu vermittelte ein Gefühl der Geborgenheit in dem von so viel Schrecklichem berichtenden Roman und sei ihm daher besonders ans Herz gewachsen. Wichtiger aber: Alle Figuren sind vielschichtig; selbst Irmas Nazi-Eltern haben menschliche Züge. Und vor allem sind die jüdischen Figuren keine bloßen Opfer, sondern haben etwas Eigenständiges und Wütendes. Dies sei wichtig, damit das Geschehen nicht in die Distanz gerückt wird, sondern mit uns zu tun hat. Denn, so Szántó in einem eindrücklichen Appell, angesichts des wiedererstarkenden Populismus und Rechtsextremismus zeige der Roman auch, dass widerständiges Verhalten möglich ist und dass Hoffnung auf Veränderung besteht. Denn – anders als das Haus – können wir das Geschehen beeinflussen!
Und auch wenn wohl alle Seiten das Gespräch an diesem Punkt noch gerne fortgesetzt hätten, war die Zeit leider allzu schnell erschöpft, weshalb die Veranstaltung mit einem wohlverdienten großen Schlussapplaus endete.
Die Fachschaft Deutsch dankt dem Förderverein des Röka, der diese Autorenbegegnung durch einen kräftigen finanziellen Zuschuss ermöglicht hat!

